Qualitativ Forschen, Teil 1 – Ein Blick hinter die Kulissen des Teilprojektes „Patientenbeteiligung bei OUTLIVE-CRC“
In dieser Artikelreihe geben wir Ihnen einen Einblick in die Arbeiten unseres Teilprojektes, das für die Patientenbeteiligung bei OUTLIVE-CRC zuständig ist.
Vor einigen Wochen sind wir auf Sie, die Patientenvertreter*innen unseres Projektes, zugekommen und haben Sie nach der Teilnahmebereitschaft an Interviews gefragt. Wir wollten in Einzelgesprächen mehr über Ihre persönlichen Hintergründe erfahren und Ihre Meinung und Wünsche zu unserer Zusammenarbeit erfahren. Der Zeitrahmen war ca. eine Stunde, das Format online oder telefonisch. Es ist geplant, das Gespräch im Laufe der Projektlaufzeit zu wiederholen, um Veränderungen zu dokumentieren und herauszufinden, ob wir Ihre Wünsche nach Ihrer Zufriedenheit umsetzen konnten.
Die Interviews mit Ihnen gehören zu den „qualitativen Methoden“ der Sozialforschung, die wir Ihnen in diesem Artikel genauer erklären und Ihnen zeigen wollen, wie wir im Teilprojekt 2 arbeiten. Am Ende des Artikels habe ich Ihnen andere Homepages und Grundlagenliteratur verlinkt, falls Sie an weiterführenden Informationen zum Thema interessiert sind. Außerdem verlinke ich im Artikel kleine YouTube Videos, die Ihnen ebenfalls einen tieferen Einblick geben können.
Warum qualitativ Forschen?
Häufig kennt man in der Forschung das Arbeiten mit quantitativen Daten (beispielsweise Antwortkategorien aus Fragebögen, die in Zahlenwerte übersetzt werden), qualitative Daten sind im Gegensatz dazu Material, das aus irgendeiner Art Kommunikation stammt und damit auch gewisse Interpretationsspielräume besitzt. Während wir bei einer Zahl klar sagen können, ob etwas „weniger oder mehr“ ist, geht es bei den qualitativen Daten eher um das Verstehen von jenen Alltagsphänomenen, die wir untersuchen wollen.
Mehr über den Unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Daten können Sie in diesem kurzen Video erfahren: 5 Unterschiede zwischen quantitativen und qualitativen Daten
Die Besonderheit bei der qualitativen Forschung liegt darin, dass sie die Sicht von denjenigen in den Fokus stellt, um die es in dem Forschungsprojekt geht. Soziale Lebenswelten sollen „von innen heraus“ verstanden und beschrieben werden. Daraus lassen sich Theorien ableiten, die in der Forschung weiter untersucht werden können.
Damit nähern wir uns auf wissenschaftliche Art der Lebensrealität von Menschen an und übersetzen unsere Erkenntnisse darüber auf eine bestimmte Art, damit mit ihnen in der Forschung weiter „gearbeitet“ werden kann.
Wie qualitativ Forschen?
Um mehr über die Lebenswelten, die erforscht werden sollen, zu erfahren, kann unterschiedlich vorgegangen werden. Zu den häufigsten Methoden gehören:
- Interviews
- Gruppendiskussionen
- Beobachtungen
Dabei unterscheiden sich die genaue Art der Methode und die Durchführung in Abhängigkeit vom Forschungsinteresse. Auch der Datensatz, der dabei entsteht, kann sehr unterschiedlich aussehen: Es können Texte, Bilder, Videos oder Audiodateien seien, die ausgewertet werden.
Gemeinsam ist aber allen, dass sie bestimmten Standards entsprechen, damit sie eine wissenschaftliche Gültigkeit besitzen.
Wenn Sie mehr über die wissenschaftlichen Standards der qualitativen Forschung wissen möchten, können Sie sich dieses kurze Video anschauen: 6 Gütekriterien qualitativer Forschung
Wie gehen wir vor?
Wir wollen Ihnen am Beispiel unserer Interviews zeigen, wie qualitative Forschung in der Praxis aussieht.
- Interviews durchführen
Wir haben die Methode der „Leitfadengestützten Einzelinterviews“ verwendet. Dabei haben wir vorab einen Fragenkatalog erstellt, der die Themen beinhaltet, die uns am meisten interessieren und einen Termin zum Einzelgespräch mit denjenigen von Ihnen vereinbart, die an den Interviews teilnehmen wollten. Der Fragenkatalog (Interviewleitfaden) stellt den Ablauf des Interviews dar und stellt sicher, dass wir alle Fragen gestellt und Antworten bekommen haben.
Den Leitfaden mit unseren Fragen und Nachfragen können Sie sich hier anschauen: Unser Interviewleitfaden
Darin sehen Sie auch, dass ein Interview immer nach dem gleichen Schema abläuft. So können wir eine Vergleichbarkeit der Gespräche sicherstellen. Wichtig ist auch, dass Sie als Interviewte alle dieselben Informationen haben, wenn Sie in das Gespräch starten. Darum wurde der Eingangstext auch jedes Mal vorgelesen.
Details zu der Person, die interviewt wurde, der persönliche Eindruck und Besonderheiten der Interviews werden für die Dokumentation ebenfalls festgehalten. In diesem Dokument stehen der Name der interviewten Person, das Datum des Interviews und eine Nummer, weil später im Laufe der Arbeit mit dem Interviewmaterial nur noch die Nummer verwendet wird und alle persönlichen Hinweise zu der Person gestrichen werden. Das bedeutet Pseudonymisierung. So ist während dieses Arbeitsschrittes nur nachzuvollziehen, wer dieses Interview gegeben hat, wenn man mehrere Dokumente nebeneinanderlegt und sich die Informationen zusammenstellt.
- Interviews transkribieren
Um weiter mit unserem Gespräch „arbeiten“ zu können, wird das Interview transkribiert. Das bedeutet, dass das Gesagte aus der Audioaufnahme verschriftlicht wird. Dabei werden alle persönlichen Angaben im Interview in der verschriftlichen Form mit Pseudonymen und Abkürzungen versehen, damit keine Rückschlüsse mehr auf die Person gemacht werden können, wenn jemand nur das Transkript liest.
Das heißt also, wenn Sie mir im Interview erzählen, dass Sie beispielsweise gerne bei Dräger in Lübeck arbeiten, wird im Transkript „A: Ich arbeite schon seit 5 Jahren bei D in L. Da fühle ich mich sehr wohl.“ stehen, weil sowohl Ihr Name als auch der Name Ihres Arbeitsgebers und der Ort, an dem Sie arbeiten, nicht ausgeschrieben werden und im Falle der Personenbezeichnung auch ein fester Buchstabe für die interviewte Person vergeben wird, der nichts mit Ihrem Klarnamen zu tun hat.
Dieser Arbeitsschritt ist sehr zeitintensiv und wird von unseren wissenschaftlichen Hilfskräften erledigt. Ein Interview, das 45 Minuten dauert, braucht je nach Qualität der Audioaufnahme ungefähr acht bis zehn Arbeitsstunden, um es zu verschriftlichen. Denn es wird jedes gesagte Wort abgetippt.
Mittlerweile gibt es KI-Programme, die Audio in Text umwandeln, dies ist aber aus Datenschutzgründen in der wissenschaftlichen Arbeit nicht zulässig, da wir keine sensiblen Daten (wie die Audioaufnahmen unserer Interviews) ins Internet laden, damit eine KI sie umwandelt.
Wenn wir unsere Interviews in Schriftform vorliegen haben, können wir mit den Texten arbeiten.
- Interviews kodieren und auswerten
Um Interviews auszuwerten, werden Kodierregeln für Kategorien erstellt. In den Regeln wird definiert, wann und unter welchen Bedingungen Textstellen zu einer Kategorie gehören. Das hilft besonders bei thematisch verwandten Kategorien, um sie voneinander abzugrenzen. Diese Kategorien werden in einem Kategoriensystem festgehalten. So können die Aussagen aus den Interviews nach festen und klaren Regeln bestimmten Themen zugeordnet und auch untereinander in Verbindung gebracht werden. Dieses Kategoriensystem ergibt sich mit Ober– und Unterkategorien zwar auch aus dem Interviewleitfaden (das nennt sich deduktives Vorgehen), das Kategoriensystem wird aber im Laufe des Auswertens überarbeitet.
Denn manchmal kommen neue, unerwartete Themen in einem Gespräch auf, die man durch neue Kategorien festhalten will (das nennt sich induktives Vorgehen) oder man stellt fest, dass sich Kategorien zu sehr ähneln oder nicht klar voneinander abgrenzt sind. Jedes Mal, wenn das Kategoriensystem verändert wird, werden alle Interviews erneut kodiert, um keine Textstellen zu verpassen.
Kodieren der Interviews bedeutet, die Textstellen den Kategorien zuzuordnen. Das ist ein Arbeitsschritt, den man mit einem Programm macht. Wir arbeiten an der Uni mit MAXQDA.
In unserem Textbeispiel „A: Ich arbeite schon seit 5 Jahren bei D in L. Da fühle ich mich sehr wohl.“ würde „schon seit fünf Jahren“ beispielsweise mit der Kategorie „Betriebszugehörigkeitslänge“ und „Da fühle ich mich sehr wohl“ mit der Kategorie „Arbeitszufriedenheit“ kodiert werden.
In unserem Forschungsprojekt sind natürlich andere Themenfelder im Fokus, daher sehen unsere Kodierkategorien momentan so aus:

Wenn Sie mehr über das Kodieren erfahren möchten, können Sie sich dieses Video ansehen: Kodieren in der qualitativen Forschung
Die Auswertung von Interviews ist ein Prozess und unterliegt auch weiteren Prüfungen. So arbeiten wir auch zu zweit an den Daten, um zu testen, ob wir dieselben Textstellen einer bestimmten Kategorie zuordnen oder ob sich unsere Interpretationen voneinander unterscheiden. Je besser die Kodierregeln formuliert sind, umso weniger Interpretationsspielraum gibt es bei der Zuordnung.
Am Ende werden Ihre Aussagen aus den Interviews aber zusammengetragen und von uns zusammengefasst. Wir können so Muster erkennen und Vermutungen anstellen (Hypothesen ableiten), die wir in das Forschungsfeld tragen, um unsere Erkenntnisse mit anderen Forschenden zu teilen. Dabei können wir unsere Ableitungen, wenn wir beispielsweise über die Motivation, warum sich Menschen als Patientenvertreter*innen engagieren wollen und was wir Forschenden tun können, um ihnen das zu erleichtern, mit Zitaten von Ihnen aus unseren Interviews untermauern.
Ihre Aussagen werden so für andere Forschende sichtbar gemacht, damit diese, wenn sie selbst mit Patientenvertreter*innen arbeiten, einige Hinweise erhalten, wie sie die Arbeit gestalten können.
Stand der Interviews in OUTLIVE-CRC
Wir haben insgesamt 15 Interviews geführt, von denen momentan sechs fertig transkribiert sind. Das Kategoriesystem sowie die Kodierregeln wurden bereits erstellt und die ersten drei Interviews danach kodiert. Als nächstes wird die wissenschaftliche Hilfskraft, die die Interviews transkribiert, ebenfalls die ersten drei Interviews kodieren, damit wir gegenseitig überprüfen können, wie gut das erstellte Kategoriesystem passt und welche Überarbeitungen notwendig sind.
Wenn wir zu den ersten Ergebnissen aus unseren Interviews kommen, werden wir in einem zweiten Artikel schildern, wie dies abgelaufen ist.
Wenn Sie Fragen zu dem Vorgehen haben, schreiben Sie es gerne als Kommentar unter diesen Artikel oder sprechen Sie uns direkt darauf an!
Quellen und Literaturempfehlungen
- Grundlagenliteratur:
- Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken, 12. überarbeitete Auflage, Beltz
- Flick, Uwe; Kardorff, Ernst von; Steinke, Ines (2008): Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 6., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Reinbek: Rowohlt, S. 12-29.
- Online Artikel:
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